Cimapasto

Persönlicher Blog

Kriegsklettersteige im Urlaubsparadies – die Cima Rocca (1.090m)

  1. Lago di Garda
  2. Die Anreise über das Westufer – Biacesa di Ledro
  3. Biacesa di Ledro und die Klettersteige der Cima Rocca
  4. Sentiero delle Laste
  5. Chiesa San Giovanni
  6. Sentiero dei Cammiamenti
  7. Gallerie di Guerra und der Gipfel
  8. Der Abstieg
  9. Tour Zusammenfassung

Lago di Garda

Der Lago di Garda ist der größte See in Italien. Auf der Südseite des Sees versprühen Städte wie Desenzano oder Pischiera mediterranes Flair. Ein Highlight am Südufer ist ohnehin Sirmione, eine historische Stadt, gelegen auf einer Halbinsel, die in den See hineinragt. Erreichbar ist diese nur über eine einzelne Brücke, ab welcher eine Fußgängerzone die ganze Insel umfasst. So spaziert man durch enge Gassen, vorbei an unzähligen Restaurants und Eisdielen. Gleich zu Beginn der Stadt befindet sich auch die mittelalterliche Festung, die einen grandiosen Blick über die Gebäude, den Gardasee und bis nach Norden in die Berge bietet. Ein wahrer Gegenpol zum Südufer, der sich dort erhebt. Dort liegt der See nämlich eingebettet in Gipfel mit beträchtlicher Höhe – etwa der Monte Baldo (2.218m) am Ostufer des Sees, der diesen um über 2 Kilometer überragt. Jedem Kletterer dürfte heutzutage zudem „Arco“ ein Begriff sein. Ist die nur wenige Kilometer von Riva del Garda entfernte Stadt doch in den letzten Jahren zu DEM Kletter-El-Dorado Europas angewachsen. Uns hat es heute auch in diese Gegend verschlagen, allerdings etwas näher zum Nordwest-Ufer des Sees: dort liegt die Cima Rocca (1.090m), welche wir über einen Klettersteig erreichen wollen.

Die Anreise über das Westufer – Biacesa di Ledro

Wir starten unsere Reise vom Hotel in Desenzano. Am Westufer des Sees folgen wir der Straße nach Norden, welche zuerst durch größere Urlaubsorte führt, dann aber nach und nach schmäler wird und sich ihren Weg zwischen steilen Felsen und dem Wasser bahnt. Wir beobachten Hunderte von Kite- und Windsurfern, mit bunten Schirmen, von denen es am See nur so wimmelt.

Wir durchqueren den beliebten Urlaubsort Limone sul Garda. Der Name stammt übrigens nicht von den zahlreichen Zitronengärten, die es hier gibt, sondern vom lateinischen Wort „Limes“. Vor dem ersten Weltkrieg lag hier die Grenze zwischen Italien und Österreich, ein erster Kontaktpunkt mit dem historischen Ereignis, das uns den gesamten Klettersteig über begleiten soll.

Bald darauf erspäht man immer wieder Abschnitte der alten Ponalestraße, welche uns anzeigt, dass wir uns bereits Riva del Garda nähern. Die Straße ist ein beliebtes Ausflugsziel bei Mountainbikern und Wanderern, die über diese Pregasina erreichen wollen. Wir passieren Riva del Garda und gelangen über einen langen Tunnel nach Biacesa di Ledro, Ausgangspunkt zahlreicher Wanderungen sowie unserer heutigen Tour.

Biacesa di Ledro und die Klettersteige der Cima Rocca

Gleich am Beginn des gerade einmal 200 Einwohner großen Ortes befindet sich ein öffentlicher Parkplatz, an dem wir das Auto abstellen. Nach ein paar Minuten Fußweg durch den Ort folgen wir einem gepflasterten Weg, der uns vorbei an zahlreichen Weingärten, in Richtung des Waldes führt. Vor uns erhebt sich bereits die Cima Rocca.

Insgesamt könnte man von hier aus vier Klettersteige erreichen, wobei wir uns aus Zeitgründe auf die kürzere Runde beschränken. So wollen wir relativ rasch einsteigen und über den „Sentiero delle Laste“ den ersten Klettersteig bis zur Kirche „Chiesa San Giovanni“ zurücklegen. Danach folgen wir dem „Sentiero dei Camminamenti“ auf den Gipfel. Wer mehr Zeit und Ausdauer mit sich bringt, kann die Kirche auch über einen Zwischengipfel, die Cima Capi erreichen. Auf diese führt die „Via ferrata Fausto Susatti“, welche einen schönen Grat mit tollen Ausblick über den See bietet. Über den vierten Steig, die „Via ferrata Mario Foletti“ gelangt man wiederum zur Kirche. Die Klettersteige sind mit A/B bewertet, bzw. letztgenannte beinhalten wenige B Stellen. In Summe also relativ einfache Steige, die auch für Anfänger gut geeignet sind.

Unabhängig, für welche Runde man sich entscheidet, folgt man nach Biacesa dem sogenannten „senter dei bech“ ein gutes Stück durch den Wald. Übersetzt heißt der Weg Bergziegenweg, dessen Start durch ein entsprechendes Bild gekennzeichnet ist. Auch der weitere Weg ist immer gut ausgeschildert und gibt immer wieder den Blick auf den See frei.

Sentiero delle Laste

Nachdem wir die kurze Klettersteigrunde anvisieren, biegen wir bald nach links ab und folgen in Serpentinen dem Weg zum Einstieg der ersten Via Ferrata. Wir legen Gurt und Set an und haken uns ins erste Stahlseil ein.
Auf diesem wechseln sich anfangs seilversicherte Passagen mit kurzen Gehstücken ab. So gewinnen wir schnell an Höhe und finden uns in einem wahrhaften Urlaubsparadies wieder – Biacesa, eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln und Bergen auf der einen Seite und das blaue Wasser des Gardasees auf der anderen.

Doch der Steig reißt einen schnell wieder aus dieser Stimmung heraus: Nach etwa 40 Minuten hält er zwei große, künstlich angelegte Höhlen für uns bereit. Diese gehen auf den ersten Weltkrieg zurück, in welchem die Österreicher hier Stellungen gebaut und dadurch den gesamten Berg befestigt haben. Wir treten von der heißen Luft draußen in die kühle und spärlich beleuchtete Höhle ein. Nach kurzer Zeit haben sich unsere Augen an die Lichtverhältnisse angepasst und man sieht ein halbes Dutzend Tafeln mit etlichen Bildern vor sich. Diese zeigen die Lebensbedingungen im ersten Weltkrieg: Tonnenschwere Geschütze, die mühsam auf den Berg geschleppt wurden, mit Holzgerüsten versicherte Pfade und Schneemassen im Winter.

Die Bilder erzeugen eine starke Ambivalenz zu den bisherigen Eindrücken des Sees und sollen uns noch den restlichen Steig begleiten. Erst hier wird einem bewusst wie historisch aufgeladen die Region eigentlich ist, und was sich in Europa vor etwas mehr als hundert Jahren abgespielt hat. Andächtig sehen wir uns so die Bilder an und verlassen danach wieder die beiden Höhlen.

Nach nur wenigen Metern erreichen wir einen größeren Felsvorsprung, wo zwei Fahnen, die österreichische und italienische, heute gemeinsam im Wind wehen. Dahinter befindet sich eine weitere Stellung, nach dem schmalen Eingang beherbergt diese eine Kochstelle.

Nach der Kochstelle führt ein dunkler Gang tiefer in den Berg und verbindet weitere Bunker und Stellungen miteinander. Schmale Belichtungsöffnungen beleuchten das Tunnelsystem und nach einigen Metern gelangen wir wieder nach draußen. In Gedanken hin und hergerissen zwischen dem heutigen Urlaubsparadies und historischen Kriegsschauplatz setzen wir unseren Weg fort.

Chiesa San Giovanni

Unmittelbar nach den ersten Stellungen erwartet uns ein kleines Plateau, auf welchem die Kirche San Giovanni malerisch eingebettet steht. Wir nutzen die dortigen Tische für eine kurze Pause. Danach erwartet uns der zweite Klettersteig, der „Sentiero dei Camminamenti“.

Nach kurzem Zustieg ist der Einstieg des Klettersteigs ein kleiner Eingang von etwa 1,30m Höhe, der einen direkt in einen Betonbunker führt. Das Schild daneben hält auch schon einen wichtigen Hinweis parat: „indispensabile la pila“ – also Taschenlampe notwendig. Wir schnallen die Stirnlampen auf die Helme und betreten den dunklen Untergrund.

Sentiero dei Cammiamenti

Über einen Treppe geht es zuerst steil nach oben, danach folgen wir einem horizontalen Gang. In unregelmäßigen Abständen sind Fensteröffnungen in den Wänden, durch die das Tageslicht den Tunnel spärlich ausleuchtet. Durch eine dieser Öffnungen sieht man direkt auf Biacesa – und wieder ist man sich unsicher, wie man sich angesichts eines solchen Ortes überhaupt fühlen soll. Neben Faszination und Neugierde schwingt eine große Portion Ehrfurcht mit. Kaum auszumalen, wie es gewesen sein muss, damals in den Krieg zu ziehen und in solchen Bunkeranlagen zu kämpfen.

Der Weg führt immer wieder kurz ans Tageslicht und wieder zurück in die Betonbauten. Technisch anspruchsvoll ist der Weg nicht, so können auch viele Passagen ohne Klettersteigset bewältigt werden. Nach einigen Minuten Gehzeit gelangen wir durch einen stark zerfallenen Bunkern weiter oben am Berg, an dessen Ende auch schon der Gardasee hervorscheint. Von hier aus würde man direkt zum Gipfel gehen können, wir entscheiden uns aber noch für den Weg durch die „Gallerie di Guerra“.

Gallerie di Guerra und der Gipfel

Die Gallerie ist ein horizontaler und stockfinsterer Tunnel, der unter dem Gipfel der Cima Rocca durchführt. Wir schalten wieder die Taschenlampen an und folgen dem Weg durch den Berg. Zuerst geht es noch entlang eines Betonbunkers, danach steigt man eine kleine Treppe nach oben und dort folgt man schließlich dem in den Stein gehauenen Tunnel. Dieser zieht sich gefühlt mehrere hundert Meter durch den Berg, immer wieder zweigen weitere Wege ab, die aber gut erkennbar als gesperrt markiert sind. Ein mulmiges Gefühl, hier entlang zu gehen, vor allem wenn das einzige Licht von der mitgebrachten Taschenlampe stammt. Nach wenigen Minuten Gehzeit erreichen wir das andere Ende des Tunnels und machen uns von dort aus an den Gipfelanstieg.

Auf dieser Seite der Gallerie di Guerra sind die alten Schützengräben noch deutlich erkennbar, die in den Fels geschlagen wurden. Diese sind wieder mit einem Stahlseil versichert und führen uns teilweise steil nach oben entlang der letzten Höhenmeter zum Gipfel. Kurz vor diesem öffnet sich der Blick nach Nordosten und hinab auf Riva. Wenige Meter danach befindet sich auch schon das Gipfelkreuz, wo wir nach insgesamt zweieinhalb Stunden Gehzeit eine Pause einlegen und diese zur Stärkung nutzen. Und wieder ist der Kontrast deutlich spürbar, den diese Tour bietet – haben wir uns Minuten zuvor noch in einem kühlen und dunklem Tunnel befunden, sitzen wir nun in der Sonne und beobachten wieder die Windsurfer, die sich auf dem blauen Wasser des Sees herumtreiben. Ein eindrucksvoller Steig, der uns durch einen dunklen Abschnitt der Geschichte der Region bis an den Gipfel geführt hat, von welchem man den heutigen Gardasee nur allzu gerne betrachtet.

Der Abstieg

Für den Abstieg stehen mehrere Optionen zur Verfügung. Wir haben den Weg Richtung Bocca Pasumer (405B) und zurück zur Chiesa San Giovanni (460B) gewählt. Dieser führt entlang der zuvor beschriebenen Schützengräben, die sich nach der Gallerie di Guerra weiter nach Norden ziehen. Es geht steil hinab durch den Wald und der Weg mündet kurz vor der Kirche in den breiteren Weg (460), der von Biacesa zur Kirche führt. So kommen wir rasch wieder nach Biacesa und sind nach etwa eineinhalb Stunden Abstieg wieder beim Parkplatz.

Tour Zusammenfassung

GebirgeGardaseeberge
BergCima Rocca (1.090m)
Distanz ↔8 km
Höhendifferenz ↕650hm
Zeit4:00h
KlettersteigA/B (unsere Route)
B (über Cima Capi)
BewertungTechnik: ★★★☆☆
Kondition: ★★★☆☆
Landschaft: ★★★★★
Gesamterlebnis: ★★★★★
Link zur Topowww.bergsteigen.com
HinweisTaschenlampe nicht vergessen

Die Cima Rocca bietet mehrere Klettersteige, die technisch relativ leicht zu bewältigen sind, aber einen traumhaften Ausblick über den Gardasee bieten. Für uns waren aber das eindrucksvollste an dieser Tour die alten Bunker und Stellungen, die einen ehrfürchtig und nachdenklich durch ein dunkles Kapitel dieser sonst so paradiesischen Region führen.

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